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31.12.00
Die Fünf aus der Fünf aus der Fünf!!!
Elliott-Wellen und Fibonacci (Teil 2)
Elliott meets ALDI -
Die Kunst, Recht zu behalten, ohne Gewinne zu erzielen.

Lassen Sie mich diesen zweiten Beitrag zu Elliott und Fibonacci mit einem von mir verfassten, elf Jahre altem Zitat beginnen, das keineswegs so polemisch gemeint war wie es sich vielleicht liest:

"Gestern bei ALDI gesehen: 3lagiges Toilettenpapier im 8er-Pack mit 233 Blatt pro Rolle für 377 (Pfennige), das 2 entscheidende Vorteile bietet. - Donnerwetter, gleich fünf Fibonacci-Zahlen! Zudem ergibt die Quersumme der Buchstabenstellung des Namens ALDI im Alphabet mit 8 erneut eine Fibonaccizahl! Zweifellos ideal für jeden Analysten-A.... ."

Zwei Dinge muss ich heute zu diesem Zitat ergänzen: Zum einen war ich damals und noch lange Zeit danach ein begeisterter Anhänger der Elliott-Wellen, der sich mit entsprechenden, im Rückblick verblüffend treffisicheren Prognosen auch wiederholt in n-tv vorwagte. Zum anderen litt ich schon damals unter einer ausgesprochen therapieresistenten Abneigung gegen pseudowissenschaftliche Argumentationen und Theorien und all den schlimmen Unfug, der daraus entstehen kann.

Im konkreten Fall ging es mir darum, die Behauptung der Elliottisten zu hinterfragen, dass es sich bei den Fibonacci-Zahlen und den aus ihnen ableitbaren mathematischen Relationen um ein "universelles" Prinzip handelt. Es ist unbestritten, dass sich in vielen Phänomenen von Architektur, Medizin, Biologie, Mathematik und Astronomie entsprechende Beispiele für den "Goldenen Schnitt" finden (s. Teil 1 dieser Kolumne, aufzufinden unter dem Button "Archiv"). Gemessen an der Gesamtheit der in der Welt und unserem Wissen darüber vorkommenden Strukturen ist deren Zahl allerdings definitiv völlig vernachlässigbar. Zahlreicher, wie am "Hinter-Grund" des ALDI-Zitats demonstiert, finden sich da schon zufällige Häufungen von Fibonacci-Zahlen oder -Relationen, denen aber faktisch keinerlei Gesetzmäßigkeit unterliegt.

Nun aber zu den Börsen!

Elliott-Wellen: Ein perfektes Analysetool - zur Erklärung vergangener Kursbewegungen

Machen Sie bitte folgendes Experiment. Erstens: Nehmen Sie den uralten Chart eines x-beliebigen, möglichst wenig bekannten Aktien-Index, die sich seit mindestens zwei Jahren in einem stabilen Aufwärtstrend befindet und löschen Sie den Namen des Index heraus. Wichtig ist, dass der entsprechende Aktienmarkt auch im kommenden Jahr weiter nach oben gelaufen ist. Fertigen Sie hiervon nun jeweils einen Tageschart, einen Wochenchart und einen Monatschart an und schicken Sie diese drei Ausdrucke an fünf unabhängig voneinander arbeitende Elliott-Wellen-Anhänger und bitten Sie um eine aktuelle Zählung, die Prognose des Kursverlauf der kommenden 6 Monate und die Angabe des nächsten markanten Kurspunktes. Was Sie zurückbekommen werden, wird von verblüffend genau nachgewiesenen 0,618-, 1:1- und 1,618-Proportionen nur so wimmeln. Außerdem werden "gute" Ausarbeitungen Sie mit entsprechenden Resistance- und Support-Zones versorgen und Sie werden feststellen, wie scheinbar perfekt sich der Index an ein Fibonacci-Zeitmuster gehalten haben, deren Startpunkt allerdings von Analyst zu Analyst überraschend unterschiedlich ausgefallen sein könnte. Die Quintessenz der Analysen dürfte Sie vermutlich ins Grübeln bringen: Denn ungeachtet des mathematische Genauigkeit suggerierenden Zählwerkes werden Sie wahrscheinlich fünf verschiedene Kursziele und Zählungen genannt bekommen. Dank des oben als Voraussetzung genannten, stabilen Aufwärtstrends werden die Analysen hingegen weitgehend einig darin sein, dass der Aufwärtstrend nur noch wenige Punkte Spielraum hat oder bereits abgeschlossen ist. Entsprechend bearish dürften die Prognosen für die kommenden Monate ausfallen.

Aus "falsch" wird "um so richtiger" geboren?

Zweitens: Nach sechs Monaten aktualisieren Sie die Charts um ein halbes Jahr und bitten um eine neue Analyse. Wieder werden Sie sehr wissenschaftlich anmutende Analysen bekommen, die Ihnen, jede wahrscheinlich anders, sehr genau belegen können, warum die alte Prognose nicht zutreffend war und warum der Haussetrend erst jetzt, nun aber um so sicherer, unmittelbar vor dem Abschluss steht.

Was, frage ich mich, will ein ernsthafter Analyst mit einer Theorie, die bei verschiedenen Anwendern die unterschiedlichsten Ergebnisse hervorbringt und im Falle des Scheiterns kritiklos und um so vehementer den Anspruch auf ihre Berechtigung anmeldet?

Zufall ist das nicht. Das Grundprinzip der Elliott-Wellen, also ein fünfwelliger Aufwärtsimpuls, der aus drei Aufwärtswellen und zwei Korrekturwellen besteht, ist in einem Haussemarkt relativ schnell aufzuspüren, selbst wenn Sie das ganze Elliott-Regelwerk berücksichtigen. Und: Läuft der Markt gegen Ihre Prognose, so versorgt Sie die Theorie stets wieder mit einer neuen, gleich noch schlüssiger anmutenden, "besseren" Erklärung für die kommenden Ereignisse. Denn schließlich ist es Ihnen ja gerade gelungen, eine offensichtlich nicht zutreffende Wellenzählung zu identifizieren. Genau das ist auch der Hauptkritikpunkt, der sich gegen die Elliott-Wellen vorbringen lässt: Dass sie per Definition niemals "falsch sein können".

Karl Popper hat das Kriterium der "Falsifizierbarkeit" in seinen wissenschaftstheoretischen Arbeiten als eines der entscheidenden Merkmale für eine wissenschaftliche Theorie herausgearbeitet: Sie muss vom Ansatz und der Konstruktion her falsch und widerlegbar sein können. Die Elliott-Wellen erfüllen diesen Anspruch nicht.

Das eigentlich Dramatische daran ist nicht, dass die Elliott-Anwender sich damit stets im exklusiven Besitz der analytischen Wahrheit wähnen; das Dramatische ist vielmehr, dass die Elliott-Jünger in aller Regel die lukrativsten Marktbewegungen, nämlich die wirklich lang anhaltenden Trends, verpassen und sich, quasi durch die Theorie "gezwungen", permanent auf den Gegenschlag nach unten gefasst machen.

Es steht Ihnen frei, so lange an den von mir beschriebenen Ergebnissen des Experiments zu zweifeln, bis Sie es gemacht haben. Mein Fazit lautet:

a) In Haussemärkten ist eine simple, korrekt angelegte charttechnische Aufwärtstrendlinie zwar weniger aufwendig als Elliott-/Fibonacci-Analysen, dafür bewahrt Sie sie im Gegensatz zu diesen Analysen aber vor einem verfrühten Glattstellen von Long-Positionen und/oder dem (noch kostspieligeren) voreiligen Opening von Short-Trades.

b) Seitwärts gerichtete, trendlose Märkte sind mit Elliott-Wellen nicht besser beherrschbar als mit anderen Analyseansätzen.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, keine Elliott-Wellen-Software unter dem Tannenbaum und ein erfolgreiches und gesundes Neues Jahr.

Axel Retz

PS: Und bleiben Sie, wie in der vorletzten Kolumne empfohlen, weiter long im Euro und im Bund! Aktien sind noch kein Thema!



19.12.2000 12:41
© www.boerse.de 

Original auf http://nachrichten.boerse.de/anzeige668550.php3?id=21429

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